eingetragen am: 09.02.2012 um 09:15 Uhr, Alter: 101 Tag(e)
Der Kapitän geht von Bord
sz-online, 08.02.2012, Von Michael Rothe
Auf DDR-Frachtern befuhr Detlef Bütow die Meere. Während viele Sachsen nach der Wende die Welt erkundeten, kehrte er heim. Jetzt zieht er letzte Bilanz als Hafenchef - und spürt wieder Fernweh.
Hafenchef gesucht! Voraussetzungen laut Stellenanzeige der Sächsischen Binnenhäfen Oberelbe GmbH: umfangreiche Logistikkenntnisse, Hoch- bzw. Fachhochschulstudium, konzeptionelle Stärke, die Gabe, rund 100 Mitarbeiter zu begeistern, Durchsetzungs- und Kommunikationsstärke, Leistungsbereitschaft, "idealerweise Schnittstellen zur Hafenwirtschaft" und diplomatisches Geschick. Kurz: Ein Mann wie Detlef Bütow.
Dieser Kapitän wird im September 65 und geht von Bord. Seit 22Jahren führt der Erzgebirgler die Geschicke der Elbhäfen in Dresden, Riesa, Torgau, Dessau-Roßlau - und seit der Übernahme vor zehn Jahren auch in Lovosice und Decin in Tschechien. Unterm Strich eine Erfolgsgeschichte, auch wenn im vergangenen Jahr die Rekordwerte von 2010 nicht getoppt werden konnten. Der Güterumschlag in der Gruppe sank um etwa zehn Prozent auf 2,7 Millionen Tonnen. Der Zuwachs der beiden tschechischen Standorte konnte die fehlenden 200000 Tonnen der Sachsen nicht wettmachen. Dennoch blieben ein Umsatzplus von fünf Prozent auf knapp 16 Millionen Euro - und "eine schwarze Null".
Die Elbe nur noch Nebenfluss?
Der Geschäftsführer begründet die Einbußen bei der Tonnage mit dem langen Winter vor Jahresfrist, wochenlangem Niedrigwasser im November und mit Produktionsumstellungen bei Großkunden wie beim brandenburgischen Windanlagenbauer Vestas, dessen Rotorblätter in Dresden verladen werden. Nach gut 400 Teilen 2010 sei "voriges Jahr so gut wie nichts angekommen". Und Bütow kritisiert das Bundesverkehrsministerium, das die Elbe nach dem flutbedingten Ausbaustopp 2002 zwischenzeitlich zum Nebenfluss degradiert und so Kunden verunsichert habe.
Der Hafenchef hätte bei seiner letzten Bilanzvorlage gern bessere Zahlen vorgelegt. Aber er ist keiner, der von Rekord zu Rekord hechelt. "Wir haben das Beste draus gemacht", sagt er. Der gebürtige Annaberger gilt als ruhig, besonnen, aber bestimmt. Die Belegschaft schätzt seine Freundlichkeit und Kollegialität. "Viele werden traurig sein, wenn er geht", sagt seine Assistentin Mandy Seeliger. Mit ihrem Chef gehe eine Ära zu Ende.
Auch von Amts wegen wird Bütows Ausscheiden bedauert. "Er hat sich große Verdienste erworben: für die Hafenwirtschaft in Dresden, Sachsen und Deutschland", sagt Klaus Kautz, Leiter des Dresdner Wasser- und Schifffahrtsamts. Besonders würdigt der Behördenchef den von ihm geschaffenen deutsch-tschechischen Firmenverbund.
Für seine gut zwei Jahrzehnte als Hafenchef zieht Bütow eine gute Bilanz. Nach wendebedingtem Aderlass sei es mit dem Staatsbetrieb bergauf gegangen. Stolz sei er auf den Umbau des Dresdner Hafens, die Integration der Tschechen und angebahnte Kooperationen mit weiteren Häfen elbabwärts.
Ab Oktober will der Mann mit dem grauen Drei-Tage-plus-Bart "zunächst kürzertreten" und seinen beiden Enkeln mehr Zeit widmen. "Ich kann loslassen", sagt Kapitän Bütow. Doch schon ruft den Seemann, der einst auf der "Boizenburg" und anderen DDR-Frachtern die Weltmeere befuhr, erneut das Fernweh. Noch gebe es für ihn weiße Flecken: Australien, Neuseeland.
Dem Chef, der mit allen Wassern gewaschen ist, half sein alter Job vor allem nach der Wende. "Ich wusste schnell: Auch die Hamburger kochen nur mit Wasser." Selbst Immobilienhaie hatten bei ihm und Sachsens Häfen keine Chance.
Schiffsverkehr ruht komplett
Die sieht Bütow aber für den Hafenverbund. Auch wenn das Wetter derzeit einen Strich durch die Rechnung macht. Seit gestern Abend ruht der Verkehr auf der Elbe. In Sachsens Häfen sitzen elf Frachter fest. Laut Amtsleiter Kautz nimmt das Treibeis in Dresden etwa 40 Prozent der Flussfläche ein, unterhalb von Torgau bis zu 80 Prozent. Dennoch geht die Arbeit in den Häfen weiter. Dank der Vernetzung von Binnenschiff, Bahn und Lkw kann der Verbund jederzeit zuverlässige Transportketten anbieten.
Die Basis für Wachstum sei geschaffen - auch durch Millionen-Investitionen wie zuletzt in die Gleisanbindung des Logistikers Sachsenland im Dresdner Hafen. In Torgau soll die Kaimauer saniert werden. Und in Riesa entsteht, wenn auch mit bürokratischem Verzug, bis Ende 2013 ein Containerterminal. Dort will auch Goodyear sein neues Reifenlager erweitern.
Die Lorbeeren dafür erntet Bütows Nachfolger. Laut der Personalberatung Mercur Urval haben sich allein auf die Stellenanzeige in der SZ in kurzer Zeit schon "mehrere Dutzend" Bewerber gemeldet. "Es wird einen Nachfolger geben, für mich gibt es kein Zurück", sagt der Noch-Chef. Aber Amtsleiter Klaus Kautz warnt Interessenten: "Kapitän Bütow hinterlässt riesige Fußstapfen." Nicht nur im Neuschnee des Dresdner Alberthafens.
