eingetragen am: 16.02.2012 um 20:55 Uhr, Alter: 94 Tag(e)
Diskussion um den Saalekanal:
Eine neue Variante soll billiger und besser sein
Volksstimme Magdeburg Mantelteil 16.02.2012 von Anja Keßler
Wasserwirtschafter Christian Jung entwickelt neue Variante für das umstrittene Projekt
Mit einer alternativen Route bringt der Schönebecker Christian Jung den umstrittenen Saalekanal wieder ins Gespräch. Die Verkehrsministerien von Bund und Land stehen dem Vorschlag offen gegenüber.
Schönebeck Der Saalekanal ist ein seit vielen Jahren stark umstrittenes Verkehrsprojekt des Bundes. Geplant ist er seit den 1930er Jahren, gewünscht von der Industrie, die sich entlang der Saale angesiedelt hat, doch Gegenwehr gibt es seit 20 Jahren vor allem in der durch den möglichen Bau betroffenen Region, dem Elbe-Saale-Winkel.
Doch nun gibt es eine neue Idee, wie der Kanal umgesetzt werden könnte. Die Variante könnte zwei Vorteile haben: Kosteneinsparung und positive Einflüsse auf die durch Vernässung gebeutelte Region. Christian Jung ist seit 40 Jahren in der Wasserwirtschaft aktiv, ist verantwortlich für den Flussbereich Schönebeck beim Landesbetrieb für Hochwasserschutz und Wasserwirtschaft. Als Privatmensch – wie er deutlich hervorhebt – hat er sich mit dem Saalekanal beschäftigt.
„Ich bin für den Kanal“, sagt er. Eine Überzeugung, die gerade in Schönebeck und noch viel mehr im Elbe-Saale-Winkel eher in der Minderheit ist. „Ich stamme aus einer Schifferfamilie und weiß, wie wertvoll der Kanal für die Binnenschifffahrt ist und für die Unternehmen von Halle bis Schönebeck.“ Doch mit der Ausbauvariante, die vom Land und dem Bund als federführender Baulastträger bisher favorisiert wurde, kann sich Jung nicht anfreunden.
Seine Idee: Nicht einen geschlossenen Kanal bauen, sondern vorhandene Gewässer einbinden. In Barby wird seit vielen Jahren Kies abgebaut. Die dadurch entstandenen Kiesseen könnte man nutzen, um über Verbindungskanäle hin zur Elbe zu kommen. Auf einer Karte hat Jung seine Idee aufgezeichnet, sie mit technischen Zeichnungen der Profile untersetzt. „Ich schlage vor, die Verbindungskanäle zwischen den Seen als offene Wasserflächen auf jeweiligem Grundwasserniveau jeweils als Stichkanäle zu den Kiesseen herzustellen und saaleseits eine weitere Schleuse zu errichten.“
Als Wasserwirtschaftler sieht er vor allem den Vorteil, mit dieser Variante ein wirkliches Grundwassermanagement betreiben zu können. Denn wenn die Elbe Niedrigwasser führt, könnte man über die Schleusen Wasser aus der Saale abziehen. Ein gedichteter Kanal, wie derzeit geplant, könnte dagegen weiter negativen Einfluss bringen. Weiterer Vorteil: die Kos ten. Ursprünglich sollte der Kanal einmal 80 Millionen Euro kosten. Inzwischen ist der Stand deutlich höher. Schätzungen belaufen sich auf das Doppelte. In Jungs Variante müssten zwei Schleusen gebaut werden und die Stichkanäle gebrochen werden. „Das könnten vielleicht sogar die Kiesabbauer übernehmen“, schlägt Jung vor. Er habe mit dem Geschäftsführer des Unternehmens gesprochen. Er stünde der Idee der Verbindungskanäle offen gegenüber. Gegen über der Volksstimme äußerte sich der Geschäftsführer jedoch nicht zur Saalekanal-Variante.
Einen dritten Vorteil sieht Jung in der Erweiterung der Schiffbarkeit. „Der bisherige Kanal ist lediglich als Einbahnstraße geplant. Durch die Seen und deren große Wasserflächen könnten auch mehrere Schiffe in entgegengesetzter Richtung die Wasserstraße befahren.“ In einem weiteren Schritt sieht Jung auch einen Vorteil für die touristische Attraktivität. „Man könnte über Leader-Projekte kleine Kanäle als Verbindungen zu den übrigen Seen im Elbe-Saale-Winkel herstellen, zum Beispiel den Seepark Barby anbinden.“
Offen zeigt sich auch das Landesverkehrsministerium. „Aus Sicht des Verkehrsministeriums stellt die Variante einen gangbaren Weg dar, der verfolgt werden sollte“, teilte Sprecher Peter Mennicke auf Anfrage der Volksstimme mit. „Wir werden die Wasserund Schifffahrtsdirektion bitten, vertiefende Untersuchungen im laufenden Gutachten zur Wirtschaftlichkeit zu berücksichtigen.“ Auch im Landesministerium sieht man die Vorteile der Kostensenkung und den Einfluss auf die Grundwasserproblematik.
Das Wasserstraßenneubauamt Magdeburg als untergeordnete Bundesbehörde kennt den Jung-Vorschlag. „Wir werden aktiv, wenn uns das Land oder der Bund darum bittet, das zu prüfen“, erklärt Leiter Henrik Täger.
Das Bundesverkehrsministerium kennt Christian Jungs Vorschlag. Eine Überprüfung der Umsetzbarkeit steht aber noch aus. Bereits die jetzige Landesplanung schneidet das geplante Kiesabbaugebiet. Insofern müsste eh ein Planfeststellungsverfahren die Trasse prüfen. Laut Bund liegen dafür jedoch noch keine Planungen vor. Grundsätzlich war lediglich in einem Raumordnungsverfahren geklärt worden, dass eine Vereinbarkeit des Vorhabens mit der Raumordnung gegeben sei.
Für den Bund entscheidend wird die Frage nach der Finanzierbarkeit des gesamten Projektes sein. Dazu heißt es aus dem Bundesverkehrsministerium: „Die realistischen mittelfristigen Finanzierungsmöglichkeiten des Bundeshaushaltes im Rahmen der dringend notwendigen Haushaltskonsolidierung begrenzen die Spielräume für Investitionen in die Wasserstraßeninfrastruktur deutlich. Die verfügbaren Ressourcen werden daher zukünftig auf Ersatzinvestitionen alter Anlagen und auf Wasserstraßen mit hoher Verkehrsnachfrage konzentriert werden, um zumindest auf hoch belasteten Strecken in vertretbaren Zeiträumen bessere Rahmenbedingungen für die Schifffahrt zu schaffen. Das gilt auch für die Saale.“
Eine Prioritätenliste der Vorhaben wird derzeit erarbeitet. Neben der Verkehrsprognose steht dabei auch die Wirtschaftlichkeit auf dem Prüfstand. „Erst wenn diese Untersuchungen abgeschlossen sind, sind Aussagen zur Finanzierbarkeit möglich. Auf dieser Basis werden dann Entscheidungen zur künftigen Investitions- und Unterhaltungs- sowie Betriebskonzeption für die Saale getroffen“, erklärte ein Sprecher des Bundesverkehrsministeriums gegenüber der Volksstimme.
Heute Abend wird sich der Barbyer Stadtrat mit der Jung-Variante beschäftigen. „Wir geben dann die Diskussion in den Ortschaftsräten frei“, erklärte dazu Bauamtsleiter Goldschmidt. Vor allem das Thema Wassermanagement wird dabei großen Raum einnehmen. Und auch Christian Jungs nachgeordnete Idee, das Kanal-Seen-Netz wie an der Havel touristisch zu nutzen, dürfte eine Rolle spielen.
„Ich schlage vor, nicht einen geschlossenen Kanal zu bauen, sondern vorhandene Gewässer wie die Kiesseen in Barby einzubinden.“
Christian Jung, Wasserwirtschaftler